Phœnix

«Nord!»

Das Werk «UR» für fünf Instrumente und Live-Elektronik des finnischen Komponisten Magnus Lindberg ist das kammermusikalische Schwesterwerk des brachialen Orchesterwerks «Kraft» und verbindet die dichte, von Punkrock und Spektralismus inspirierte Energie des frühen Lindberg mit präzise gesteuerter, elektronischer Klangmanipulation. Rhythmen, Akkordketten und harmonische Prozesse wurden mithilfe von mathematischen Berechnungen und der Programmiersprache «LeLisp» generiert. Der Titel «UR» verweist sowohl auf die antike sumerische Stadt Ur als auch auf das im Deutschen und Schwedischen gebräuchliche Präfix für etwas Extremes, Ursprüngliches oder Primitives. Ausserdem bedeutet das Wort «ur» im Schwedischen «Uhr» oder «Sturm».

In Anlehnung an Peter Maxwell Davies’ «Eight Songs for a Mad King» als inspirierende Vorlage für die Kompositionsform greift «over the threshold; right foot» des Norwegischen Komponisten Tze Yeung Ho auf alte chinesische Gedichte über Hofdamen verschiedener Dynastien zurück. Jeder Text konzentriert sich auf die Beziehung zwischen einem Papagei und demjenigen, der zu ihm spricht, da der Besitz eines Papageis ein Symbol für höfische Einsamkeit ist, da der Vogel die an ihn gerichteten Gedanken nachplappern würde.

Die Musik von «Enigma» der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir ist vom Begriff des «Dazwischen» inspiriert und stellt Fluss und Fragmentierung einander gegenüber. Pulsierende Stasis – das «Ganze», ein sich ausdehnendes und zusammenziehendes Fundament – steht im Kontrast zu fragmentierten Elementen – Schatten von Dingen, die als Teil des Ganzen existieren. Harmonien entstehen und verflüchtigen sich oder zerfallen auf verschiedene Weise, hinterlassen Spuren von Elementen, die sich durch unterschiedliche Texturen und Nuancen projizieren und allmählich eine eigene Form annehmen. Einige kehren zum Kern zurück, andere bleiben getrennt. Im Verlauf des Stücks wechselt die Perspektive ständig zwischen den beiden – dem Fundament und den fragmentierten Schatten –, doch im Mittelpunkt steht stets ihre Beziehung – das «Dazwischen».

Ein Programm, das durch musiktheatralische und elektronische Mittel die Grenzen der «absoluten Neuen Musik» zu sprengen versucht.


Programm

Magnus Lindberg (*1958) «UR» für fünf Spieler:innen und Live-Elektronik (1986) – 15’ Tze Yeung Ho (*1992) «over the threshold; right foot» für Kontratenor, Pierrot-Ensemble und Schlagzeug (2024, SEA) – ca. 21’ Anna Thorvaldsdottir (*1977) «Enigma» für Streichquartett (2019) – 27’
David Hackston
Kontratenor
Ensemble Phoenix Basel
Jürg Henneberger
Musikalische Leitung
Phœnix

«Mikropolyphonie»

Der Titel dieses Programms «Mikropolyphonie» wurde vom ungarisch-österreichischen Komponisten György Ligeti geprägt. Der Begriff beschreibt eine Kompositionstechnik, bei der eine Vielzahl von Stimmen (oft 20 oder mehr) so dicht und engmaschig miteinander verwoben wird, dass die einzelnen Linien für den Hörer nicht mehr als Melodien wahrnehmbar sind. Im Falle eines Klavierduos sind natürlich die Möglichkeiten begrenzt, aber Ligeti schafft (im dritten Satz) durch die sich überlagernden schnellen Zweiunddreissigstel-Läufe im Klangbad des Tonhaltepedals die Illusion eines sich ständig ausdehnenden und sich verändernden «Klangclusters» zu erzeugen, der sich wie ein lebendiger Organismus langsam ausdehnt, zusammenzieht, heller oder dunkler wird. Der zweite Satz ist eine klingende, humorvolle Hommage an die Väter der US-amerikanischen Minimal Music Steve Reich und Terry Riley.

Der französische Komponist Christophe Bertrand nutzt in seinem Sextett «Satka» repetitive, ineinander verschobene Klangmuster und Phasenverschiebungen, die stark an Steve Reichs Minimal Music und an György Ligetis Mikropolyphonie erinnern.

Georg Friedrich Haas schreibt zu seinem Werk: «Die schwache Wechselwirkung spielt eine wichtige Rolle bei der Proton-Proton-Reaktion, mit der in der Sonne Wasserstoff zu Helium umgewandelt wird. Die bei diesem Prozess freigesetzte Energie ist die Grundlage der die Erde erreichenden Sonnenstrahlung.»

Typisch für Georg Friedrich Haas erforscht das Stück die mikrotonale Innenwelt der Klänge und übersetzt dieses unsichtbare, aber lebensspendende physikalische Phänomen in ein hochsensibles, hypnotisches Klanggewebe. Das Werk wurde 2024 vom israelischen «Meitar Ensemble» in Auftrag gegeben und 2025 unter der Leitung von Pierre-André Valade beim Festival «Ultraschall Berlin» uraufgeführt.

Der deutsche Geiger und Komponist Friedemann Treiber ist unser «Konzertmeister» und verehrt wie sein ehemaliger Lehrer Hansheinz Schneeberger die Musik von Alban Berg. Seine autonome Klangsprache ist inspiriert durch die Musik der Zweiten Wiener Schule und bewegt sich zwischen Dodekaphonie, begrenzter Aleatorik sowie freier Tonalität und Atonalität, stets getragen von einem starken emotionalen Ausdruckswillen.

Programm

György Ligeti (1923–2006) «Monument, Selbstportrait und Bewegung» für zwei Klaviere (1976) – 17’ Christophe Bertrand (1981–2010) «Satka» für Sextett (2008) – 13’ Friedemann Treiber (*1971) Neues Werk für Ensemble (2026/27, UA, Auftrag EPhB) – 15’ Georg Friedrich Haas (*1953) «הכוח החלש – die schwache Kraft» für Ensemble (2024, SEA) – 24’
Kirill Zvegintsov
Klavier
Ensemble Phoenix Basel
Jürg Henneberger
Musikalische Leitung, Klavier
Phœnix

«riss»

Einen Donnerhall erlebte 1990 der französische Komponist Mark Andre, als er auf eine Partitur seines späteren Kompositionslehrers Helmut Lachenmann traf. Denn hier entdeckte Andre eine Musik von einer ungeschönt existenziellen Dringlichkeit, ausgelöst von einer auch aufführungspraktischen Recherche nach Ausdrucksformen jenseits standardisierter Spieltechniken. Tasten, Atmen, Schlagen, Reißen, Zupfen – das Vokabular dieser geradezu auch körperlichen Aggregatszustände von Musik ist seitdem für Andre zum wichtigen Schlüssel geworden, um nicht nur gänzlich neue Klangräume aufzuschließen. Der bekennende Christ will mit seinen Kompositionen zugleich «den zarten, zerbrechlichen, tröstenden Atem des Heiligen Geistes musikalisch beobachten und erlebbar machen». Auslöser für dieses Eintauchen und Erkunden von spartanisch eingerichteten, oftmals in ihrem geheimnisvollen Gestenreichtum archaisch anmutenden Klangräumen war für Mark Andre die Lektüre des Textes «Der Vorhang zerreißt» der Theologin Margareta Gruber. Darin beschäftigt sie sich mit jener Passage im Markusevangelium, in der mit dem Tod von Jesus Christus das Zerreißen des Vorhangs des Tempels auch als Sinnbild von Gottesanwesenheit und Gottesabwesenheit gedeutet wird. Mark Andre spürt nun mit jedem der «risse» den bislang verborgenen Klangwelten nach und lädt sie mit vertrauten und irritierend fremden Geräuschkonstellationen auf, die in ihrer Subtilität und Spannung zum Hin- und Zuhören zwingen. Ob sich damit möglicherweise der Atem des Heiligen Geistes offenbart, bleibt dabei zweitrangig. (Guido Fischer) 

Der Komponist stellt dem Zyklus folgendes Bibelzitat voran:
«Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.
Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.» (Gen 2,2–3)

Vor «riss 2», das in die Abschnitte I–XIV unterteilt ist, stellt er einen Ausspruch der erwähnten Theologin Prof. Dr. Margaretha Gruber, einer Ordensschwester der Franziskanerinnen von Sießen:
«Jesus wählt als Standort für sein Leben den Riss. Und es wird ihn zerreißen; der Ort seines Sterbens, ausgespannt zwischen Himmel und Erde am Kreuz, macht das sichtbar.»

Das Werk «iv 6» für Posaune Solo entsteht im Auftrag unseres Posaunisten Michael Büttler, der zusammen mit dem Ensemble Modern bei der Uraufführung des «riss»-Zyklus dabei war. «iv» bedeutet «introvertiert» und steht für eine Reihe von sehr intimen, fragilen und geheimnisvollen Werken für Soloinstrumente und Kammermusikformationen.


Programm

Mark Andre (*1964) «iv 6» für Posaune Solo (2026/27, UA, Auftrag Michael Büttler) – ca. 10’ «riss 1»  für grosses Ensemble (2015–17) – 10’ «riss 2»  für grosses Ensemble (2014) – 19’ «riss 3»  für grosses Ensemble (2014–16) – 17’
Michael Büttler
Posaune Solo
Ensemble Phoenix Basel
Jürg Henneberger
Musikalische Leitung
Phœnix

«Positionen – Carte Blanche für Julia Hülsmann»

Julia Hülsmann zählt zu den eigenständigsten Stimmen des europäischen Jazz. Ihr Klavierspiel verbindet Klarheit und Tiefe, Leichtigkeit und Nachhall. Für das Ensemble Phoenix Basel entwickelt sie im Rahmen einer Carte Blanche neue Musik zwischen improvisiertem Jazz und zeitgenössischer Klassik. Gemeinsam mit dem Ensemble erkundet sie klangliches Neuland: Improvisation, offene Formen und schwebende Klangräume treffen auf die Möglichkeiten eines aussergewöhnlichen Klangkörpers – eine inspirierende Herausforderung für die Komponistin.


Programm

Julia Hülsmann (*1968) «Positionen» für Ensemble (2026, UA, Auftrag EPhB, 2026) – 60’
Ensemble Phoenix Basel
Christoph Bösch
Künstlerische Leitung
Julia Hülsmann
Musikalische Leitung, Klavier
Phœnix

«FFF – Carte Blanche für Lars Mlekusch»

Das Ensemble Phoenix Basel widmet sich in diesem Programm drei Werken, die auf unterschiedliche Weise von Reibung, Widerstand und Verletzlichkeit erzählen. Zara Ali, Laura Bowler und Hannah Kendall entwerfen Klangräume, in denen sich technologische Systeme, körperliche Grenzerfahrungen und gesellschaftliche Spannungen überlagern. Was diese Werke verbindet, ist eine Musik, die nicht beruhigt, sondern herausfordert. Sie handelt von Druck und Überforderung, von Ausgrenzung und Zugehörigkeit und von der Frage, wie Vergangenheit unsere Gegenwart prägt.

Zara Alis «Isolation Forest» ist von einem Algorithmus zur Anomalie-Erkennung inspiriert. Aus dichten mikrotonalen Klangfeldern treten einzelne Instrumente als Abweichungen hervor, lösen sich vom Kollektiv und werden wieder in dieses integriert. So entsteht eine Klangwelt zwischen mathematischer Ordnung und organischer Bewegung, die Fragen nach Zugehörigkeit und Isolation aufwirft.

Hannah Kendalls «Even Sweetness can scratch the throat» bezieht seinen Titel auf ein Gedicht von Ocean Vuong und verweist auf die doppelte Bedeutung des Zuckers: Er steht für süssen Genuss, ist aber zugleich mit der schmerzlichen Geschichte von Kolonialismus und Ausbeutung verbunden. Kendall übersetzt diese Ambivalenz in eine vielschichtige Musik.

Im Zentrum des Programms steht Laura Bowler als Komponistin und Solistin mit ihrem Werk «fff». Aus emotionalen Zuständen wie Wut, Frustration und Erschöpfung entwickelt sich eine musikalische und körperliche Grenzerfahrung. Die Stimme wird immer intensiver, die Energie immer unmittelbarer, bis der Ausdruck in einen existenziellen Schrei mündet. Bowler überschreitet dabei die Grenzen zwischen Komposition, Performance und Musiktheater.

Für Lars Mlekusch, der die Uraufführung von «fff» 2017 am Huddersfield Contemporary Music Festival dirigierte, bedeutet diese Aufführung zugleich eine persönliche Wiederbegegnung mit einem Schlüsselwerk Laura Bowlers.

Gemeinsam entfalten die drei Werke ein Panorama zeitgenössischen Komponierens, das technologische, gesellschaftliche und historische Verflechtungen hörbar macht und dabei ebenso präzise wie unmittelbar wirkt. (Lars Mlekusch)


Programm

Zara Ali (*1995) «Isolation Forest» für grosses Ensemble und Elektronik (2023) – 18’ Hannah Kendall (*1984) «Even sweetness can scratch the throat» für Ensemble (2023) – 12’ Laura Bowler (*1986) «fff» für Stimme und 8-köpfiges Ensemble mit Live- und vorproduzierter Elektronik und Video (2023) – 27’
Laura Bowler
Stimme
Ensemble Phoenix Basel
Lars Mlekusch
Musikalische Leitung
Blanko

«Blanko 2027»

Der Begriff der kollektiven Komposition wird auch heute noch mit einer gewissen Skepsis betrachtet. Die musikalischen Hierarchien, die sich im Laufe der Geschichte der westlichen Musik herausgebildet haben, haben Musiker und Komponisten zu hochspezialisierten Akteuren gemacht, deren Berührungspunkt oft in der Umsetzung einer Partitur liegt. In dieser Zusammenarbeit schlagen wir einen eher horizontalen Ansatz vor, der darauf abzielt, die traditionellen Rollen der musikalischen Akteure zu verwischen – von Interpreten und Komponisten bis hin zum Publikum und allen Beteiligten am Entstehungs- und Hörprozess eines Musikwerks. (Gustavo Costa)

Jedes Instrument besitzt für das blosse Ohr eine eigene Klangfarbe. Doch was geschieht, wenn man in das Innere eines Instruments eintaucht?
Mit Hilfe von Kontaktmikrofonen sowie im Inneren der Instrumente platzierten Mikrofonen macht Stanislas Pili feinste Schwingungen, Resonanzen und Präparationen hörbar und verstärkt sie im Konzertsaal. Aus dem «Mikrokosmos» des Klangs entsteht ein musikalischer «Makrokosmos», der dem Publikum eine neue Perspektive auf das Ensemble Phoenix Basel eröffnet. (Stanislas Pili)


Programm

Gustavo Costa (*1976) Neues Werk für Ensemble (2027, UA, Auftrag EPhB) – 30’ Stanislas Pili (*1988) «INFRAFOKUS» für Stanislas Pili und makroverstärktes Ensemble (2027, UA, Auftrag EPhB) – 30’
Stanislas Pili
Schlagzeug Solo, Performance
Ensemble Phoenix Basel
Christoph Bösch
Künstlerische Leitung