Phœnix

«Sternenlicht»

Ein Programm über Raum, Klang und künstlerische Haltung – mit vier sehr unterschiedlichen Perspektiven auf das Komponieren heute.

In «A space to exist», einem Kompositionsauftrag des Ensemble Phoenix Basel, stellt Eleni Ralli das Akkordeon ins Zentrum – nicht nur musikalisch, sondern auch räumlich. Das Instrument bewegt sich zwischen drei räumlich verteilten Gruppen und sucht dabei seinen eigenen Ort. Es geht um das Hören im Raum, um Nähe und Distanz, Präsenz und Abwesenheit – und darum, was es braucht, um existieren zu können.

Younghi Pagh-Paans Werk «Im Sternenlicht» nimmt seinen Ausgangspunkt in einem alten japanischen Gedicht über den Rückzug aus der Welt. In einer poetischen Klangsprache entwirft die Komponistin eine Antwort auf die Frage, wohin man flieht, wenn der «Jammer des Lebens» einen selbst in der Einsamkeit einholt. Ihre Musik ist zugleich zart, entschlossen und spirituell – eine Klangmeditation zwischen Himmel und Erde.

Klaus Lang versteht Musik nicht als Sprache oder Ausdruck persönlicher Emotion, sondern als freies, akustisches Objekt. Seine Kompositionen verweigern sich jeder instrumentellen Funktion. Klang wird nicht benutzt, sondern erforscht – als reine, hörbare Zeit. Musik entsteht als radikale Form der Präsenz: still, konzentriert, ohne Botschaft – und gerade dadurch berührend.

Mit dem «Klarinettenquintett Nr. 1» betritt Isang Yun eine neue Phase seines Schaffens: lyrischer, klarer, strukturierter. Die Klarinette übernimmt die führende Rolle – als Stimme des Wandels, inspiriert vom chinesischen Yang-Prinzip. Yun lässt sie durch den musikalischen Raum wandern auf der Suche nach einer «unendlichen Melodie» – als Symbol für Atem, Befreiung und geistige Weite.


Programm

Eleni Ralli (*1984) «A space to exist» für Akkordeon und Ensemble (2026, UA, Auftrag EPhB) – 15’ Younghi Pagh-Paan (*1945) «Im Sternenlicht» für Sextett (2019) – 10’ Klaus Lang (*1971) «weiße farben» für 8 Instrumente (2016) – 20’ Isang Yun (1917–1995) «Klarinettenquintett Nr. 1» für Klarinette und Streichquartett (1984) – 11’
Jürg Henneberger
Musikalische Leitung
Christoph Bösch
Flöte
Antje Thierbach
Oboe
Toshiko Sakakibara
Klarinette
Aurélien Tschopp
Horn
Michael Büttler
Posaune
Daniel Stalder
Schlagzeug
Nejc Grm
Akkordeon
Friedemann Treiber
Violine
Daniel Hauptmann
Violine
Petra Ackermann
Viola
Martin Jaggi
Violoncello
Gastspiel

«For Philip Guston»

Musiksommer am Zürichsee

Kunst(Zeug)Haus Rapperswil

«Das Absolute ist das Ganze». Dieser Satz von Georg Wilhelm Friedrich Hegel wird im Kunst(Zeug)Haus erlebbar. Wir verbinden Ausstellung, Konzert, Raumerlebnis und Meditation in einem einzigen Event. Morton Feldmans «For Philip Guston» ist eine Welt für sich, von unerhörten Dimensionen. In diesem Werk wiederholen sich Motive und verändern sich allmählich, wie der Lichteinfall im Verlauf des Tages. Wir beginnen um 13.00 – und bleiben bis 18.00 Uhr. Sie wählen selbst, wann und wie lange Sie vorbeikommen. Sie können zuhören, meditieren, die Ausstellung der IG Halle besuchen, sich frei bewegen und selbst entscheiden, wieviel Feldman, moderne Kunst, Perspektivenwechsel Ihnen zusagt. Ein einmaliges Erlebnis.


Philip Guston war ein Maler aus der Bewegung des «abstract expressionism», der sich in den 1950er und 1960er Jahren auf New York verdichtete – als Kreis von Künstlern, Literaten und Musikern, in dem sich bekanntlich auch Morton Feldman bewegte. Feldman schrieb dem Malerfreund einmal zu, ihm die Augen für Klang als direktes, formbares Medium geöffnet und ihn so als Komponisten erst befreit zu haben. Vor allem in den 1980er Jahren machte es sich Feldman zur Gewohnheit, grosse Widmungsstücke für verschiedene Künstler zu schreiben, darunter auch das 1984 für Flöte, Klavier und Schlagzeug entstandene «For Philip Guston». Ausgangsmaterial des gut viereinhalb Stunden dauernden Erinnerungsstücks bildet die Tonfolge auf den Namen von John Cage, der Feldman mit Philip Guston 1950 bekannt machte. Guston beauftragte Morton Feldman, an seinem Grab «Kaddisch zu sprechen» – nachdem die beiden die letzten acht Lebensjahre Gustons nicht mehr miteinander gesprochen hatten. Feldman gab später an, dass sein eigener ästhetischer Fanatismus die Ursache für diesen Bruch gewesen sei – und er mit dem Stück der Wendung, die Guston eingeschlagen habe, nachfolgen wollte: «Aufhören Fragen zu stellen».

André Fatton


Morton Feldman, Sohn einer ukrainischen Einwanderer-Familie, wurde am 12. Januar 1926 in New York geboren. 1941 begann er sein Studium bei Wallingford Riegger und Stefan Wolpe. 1949 traf Feldman John Cage, was sich als eine der inspirierendsten Begegnungen seiner musikalischen Laufbahn herausstellte. Daraus entstand eine wichtige künstlerische Vereinigung in New York, die sich der Musik Amerikas der 1950er Jahre kritisch gegenüberstellte. Weitere Freunde und Beteiligte der damaligen New Yorker Künstlerszene waren die Komponisten Earle Brown und Christian Wolff, die Maler Mark Rothko, Philip Guston, Franz Kline, Jackson Pollock und Robert Rauschenberg, sowie der Pianist David Tudor. Die Kunstmaler beeinflussten Feldman, seine eigene Klangwelt zu finden, eine Klangwelt, die unmittelbarer und physischer war als sie je zuvor existiert hat. Daraus folgten seine Versuche mit graphischer Notation. Da jedoch diese Art von Notation allzu sehr in die Nähe der Improvisation führte, war Feldman nicht zufrieden wegen der Freiheit der Interpreten und den Ergebnissen, die daraus entstanden. Deshalb distanzierte er sich in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wieder davon. 1973 wurde Feldman von der «University of New York» in Buffalo zum Edgar Varèse-Professor berufen, eine Stelle, die er bis zum Ende seines Lebens behielt. Im Juni 1987 heiratete Morton Feldman die Komponistin Barbara Monk. Am 3. September 1987 starb er in seinem Haus in Buffalo im Alter von 61 Jahren.


«For Philip Guston»

In den frühen 1980er Jahren, der Schlussperiode seines kompositorischen Schaffens, beschäftigte Feldman sich weiterhin mit dem Verfahren, «Materialien verschmelzen zu lassen». Seine musikalische Sprache wird geprägt durch rhythmische «Patterns» oder melodische Gesten, die sich innerhalb wiederkehrender Zyklen leicht verändern. Diese melodischen Gesten oder Akkorde sind oft von Stille umschlossen (Pausen in der Musiknotation). Solche Momente der Stille sind Teil des ganzen Musters oder Zyklus. Feldman schuf grosse Bewusstseinsblöcke – ein Bewusstsein des Augenblicks, eine Erinnerung an Strukturen oder an den Zustand des Andersgewesenseins oder Andersseins, und mithin einen «Erzählstil». Feldman erreicht einen einheitlichen Stil, indem er gewisse Parameter für alle späteren Stücke festlegt: so ist das Tempo meist Viertel gleich 63 – 66 pro Minute, die Dynamik bewegt sich im Bereich ppp – ppppp. Die Einheitlichkeit erstreckt sich bis in den graphischen Bereich: jede Zeile seiner Partituren ist eingeteilt in 9 Takte von gleicher Länge, unabhängig vom wechselnden Metrum. Im Bereich der Kammermusik schrieb er von da an wiederholt Werke mit einer Spieldauer von 45 bis 60 Minuten, sogar vier- bis fünf-stündige Stücke, wie «String Quartet II» (1983) oder «For Philip Guston» (1984). Er hat insgesamt 9 Werke geschrieben, die länger als 70 Minuten dauern.

Eine weitere Herausforderung an die Interpreten ist Morton Feldmans Polymetrik. Er wendet sie sogar in Orchesterwerken und in seiner Oper «Neither» (1977) an. Erschwert wird diese Kompositionsweise dadurch, dass Feldman ab den späten 1970er Jahren – beeinflusst von anatolischen Teppichmustern – eine Raster-Notation bevorzugt, bei der alle Takte graphisch die gleiche Länge haben – unabhängig von der zeitlichen Dauer der Takte. Daraus ergibt sich eine «Nicht-Simultaneität» des Schriftbildes, ähnlich wie bereits bei den «Durations»-Stücken (1960/61), bei denen nur der erste Klang simultan beginnt, danach aber jedes Instrument sein eigenes Tempo spielt. Auf die Spitze getrieben hat Feldman das polymetrische Prinzip im Trio «For Philip Guston». Die Schwierigkeit besteht darin, dass die drei Instrumente bis zu 9 Takte lang mit individuellen Taktwechseln musizieren, danach aber koordiniert landen müssen, da die polymetrischen Passagen der 3 Instrumente immer exakt die gleiche Länge haben.

Ich habe in meiner Neuausgabe des Stücks versucht, eine Notation zu entwickeln, die einerseits das Zusammenspiel der Instrumente erleichtert, andererseits die Polymetrik so belässt, wie sie Feldman komponiert hat. Mit anderen Worten: Jeder Instrumentalist spielt seinen Part unabhängig von den zwei Mitspielern, kann aber zu jedem Zeitpunkt mitverfolgen, wo sich die anderen zwei Instrumente gerade befinden. Das bedeutet: es muss aus drei verschiedenen Spielpartituren gespielt werden: jede mit der entsprechenden Metrik der drei Instrumente.

Jürg Henneberger


Programm

Morton Feldman (1926–1987) «For Philip Guston» für Flöte, Schlagzeug und Klavier (1984) – 270’
Christoph Bösch
Flöte, Altflöte, Piccolo
Daniel Stalder
Schlagzeug
Jürg Henneberger
Klavier, Celesta