Phœnix

Hersch & Ah Young Hong

Der Abend beginnt im Mittelalter und macht dann einen Sprung in die heutige Zeit.

Michael Hersch konnten wir für eine neue Komposition für Sopran und Ensemble gewinnen: «one step to the next, worlds ending». Er hatte die letztjährige Musiktheaterproduktion «Poppaea» komponiert, und wir freuen uns, auf diese Weise an einen Programmschwerpunkt der letzten Saison anknüpfen zu können. Die Sopranistin Ah Young Hong – die schon in «Poppaea» mit der Titelpartie begeistert hatte – übernimmt den Solopart.

Das Konzertprogramm wird umrahmt von neu bearbeiteten Werken aus dem 14. Jahrhundert: von Guillaume de Machaut sowie von Jacob de Senleches und Jean Galiot. Diese gehören der Stilepoche der «Ars subtilior» an, die sich aus Machauts musikalischen Ideen weiterentwickelt hat. Wir spielen sie in einer Bearbeitung von Erik Oña. Der 2019 nach schwerer Krankheit verstorbene argentinische Komponist hatte seit 2001 am Elektronischen Studio der FHNW in Basel unterrichtet.

Ergänzt wird das Programm durch die Kompositionen «After Serra» und «Aequilibria».

Erstere, aus der Feder des amerikanischen Komponisten Jason Eckardt, bezieht sich auf die monumentalen Skulpturen des bildenden Künstlers Richard Serra. Eine solche – «Intersection» – steht seit 1992 auf dem Theaterplatz in Basel. Zweitere besticht durch leise, sphärische Klänge aus der Feder der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir.

Das Konzert schliesst mit der Motette «Puis qu’en oubli» von Guillaume de Machaut in der Bearbeitung von Michael Hersch, mit der das Konzert eingeleitet wurde.


Programm

Guillaume de Machaut (um 1300–1377) «Puis qu’en oubli» für Sopran und Streichquartett (Bearbeitung: Michael Hersch, 2020) – ca. 3’ Jason Eckardt (*1971) «After Serra» für Flöte, Klarinette, Violine, Violoncello und Klavier (2000) – 15’ Anna Thorvaldsdottir (*1977) «Aequilibria» für Ensemble (2014) – 14’ Jean Galiot (14. Jh.) «Le Sault Perilleux (Ballade)» für Mezzosopran, Sprechstimme (voice-fry) und Ensemble (Bearbeitung: Erik Oña, 2004) – 8’ Jacob de Senleches (14. Jh.) «Je me merveil»  für Ensemble (Bearbeitung: Erik Oña, 2004) – 3’30” Jacob de Senleches (14. Jh.) «La Harpe de Mellodie»  für Mezzosopran und Ensemble (Bearbeitung: Erik Oña, 2004) – 3’ Michael Hersch (*1971) «one step to the next, worlds ending» Lieder nach Texten von Jan Zwicky für Sopran und Ensemble (2022, UA, Auftrag EPhB) – 20’
Ah Young Hong
Sopran
Lucas Rößner
Sprecher
Jürg Henneberger
Musikalische Leitung
Christoph Bösch
Flöte, Altflöte, Bassflöte
Antje Thierbach
Oboe
Toshiko Sakakibara
Klarinette, Bassklarinette
Lucas Rößner
Fagott
Alexandre Labonde
Horn
Michael Büttler
Posaune
Daniel Stalder
Schlagzeug
Manuel Bärtsch
Klavier, Orgelpositiv
Friedemann Treiber
Violine
Daniel Hauptmann
Violine
Petra Ackermann
Viola
Martin Jaggi
Violoncello
Aleksander Gabryś
Kontrabass
Phœnix

Pioniere der Neuen Musik: Neue Wiener Schule

Mit grosser Leidenschaft und Hingabe widmet sich das Ensemble Phoenix Basel regelmässig und auch diesmal der Neuen Wiener Schule.

Die drei Pioniere dieser Stilrichtung haben die europäische Neue Musik massgeblich geprägt. Mit seinen Schülern Alban Berg und Anton Webern schuf Arnold Schönberg eine Musik, die einerseits tief in der Romantik verwurzelt ist, und andererseits – um Stefan George zu zitieren, dessen Gedichte oft und gerne von den drei Komponisten vertont wurden –, atmet diese Musik «Luft von anderem Planeten». Die von Schönberg erfundene «Dodekaphonie» – die Zwölftontechnik – hat Generationen von Komponisten beeinflusst und war Initialzündung für weitere stilbildende Tendenzen wie z.B. die serielle Musik.

In diesem Programm erklingen Lieder für hohen Sopran mit Ensemble, umrahmt von originalen Instrumentalstücken und Bearbeitungen grösser besetzter Orchesterwerke, ganz im Sinne der Tradition des 1918 von Schönberg gegründeten «Vereins für musikalische Privataufführungen» – der bereits 1921 wieder aufgelöst wurde.


Programm

Arnold Schönberg (1874–1951) «Herzgewächse» (Maurice Maeterlinck) für hohen Sopran, Celesta, Harmonium und Harfe op. 20 (1911) – 4’ Arnold Schönberg (1874–1951) «Suite op. 29» für kleine Klarinette, Klarinette, Bassklarinette, Geige, Bratsche, Violoncello und Klavier (1925/1926) – 29’ Anton Webern (1883–1945) «Sechs Stücke op. 6» für Orchester, (1909, Fassung für Kammerorchester 1920) – 12’ Anton Webern (1883–1945) «Zwei Lieder op. 8» nach Gedichten von Rainer Maria Rilke für Gesang und Instrumente (1910) – 5’ Anton Webern (1883–1945) «Sechs Lieder op. 14» nach Gedichten von Georg Trakl für Gesang und Instrumente (1917/1921) – 6’ Alban Berg (1885–1835) «Lied der Lulu» und «Adagio» aus der Oper «Lulu» (Frank Wedekind), für Sopran und Orchester (1927–1935), Bearbeitung für Sopran und Ensemble von Jürg Henneberger (2022) – 10’
Svea Schildknecht
Sopran
Jürg Henneberger
Musikalische Leitung
Christoph Bösch
Flöte, Piccolo
Antje Thierbach
Oboe, Englischhorn
Toshiko Sakakibara
Klarinette, Bassklarinette
Benjamin Pallagi
Es-Klarinette
Richard Haynes
Bassklarinette
Aurélien Tschopp
Horn
Nenad Marković
Trompete
Michael Büttler
Posaune
Consuelo Giulianelli
Harfe
Daniel Stalder
Schlagzeug
Manuel Bärtsch
Klavier, Celesta
Ludovic Van Hellemont
Harmonium, Celesta
Friedemann Treiber
Violine
David Sontòn Caflisch
Violine
Petra Ackermann
Viola
Stéphanie Meyer
Violoncello
Aleksander Gabryś
Kontrabass
Phœnix

Tim Hodgkinson, Wang Lu & Schweizer Komponisten

Der englische Multiinstrumentalist und Komponist Tim Hodgkinson ist v.a. als experimenteller Rock- und Improvisationsmusiker bekannt geworden. Er hat u.a. zusammen mit Fred Frith 1968 die politisch und musikalisch radikale Gruppe «HENRY COW» gegründet. Er hat aber auch für klassische Formationen Kompositionen geschrieben. Im Jahr 2003 spielte das Ensemble Phoenix Basel sein Quartett «Repulsion», das als Live-Mitschnitt auf unserer Portrait-CD («United Phoenix Records», 2004) erschienen ist. Sein neues Werk «Under the Void», das er für uns geschrieben hat, wird nach sieben Jahren endlich zu seiner Uraufführung kommen.

Seit seinem Studium lebt der ursprünglich kolumbianische Komponist Leonardo Idrobo in Basel. Schon 2011 hat er für uns komponiert. Nun freuen wir uns, dass ein weiteres Stück von ihm zur Uraufführung kommt.

Auch Christophe Schiess aus Biel hat nach einer familiär bedingten Schaffenspause ein neu komponiertes Stück für uns mitgebracht. Seit er bei Georg Friedrich Haas in Basel studiert hatte, findet man seinen Namen öfter in unseren Programmen. Mittlerweile unterrichtet Christophe Schiess selbst an der Hochschule für Musik in Basel.

Die drei Uraufführungen werden ergänzt durch ein Ensemblestück der chinesischen Komponistin Wang Lu. «Backstory» hat eine offene, intuitive Form. Scheinbar lose und doch fest gewickelte Klangblöcke reiben sich an beschwingten Grooves.


Programm

Leonardo Idrobo (*1977) Neues Werk für Ensemble (2022, UA, Auftrag EPhB) – 15’ Christophe Schiess (*1974) Neues Werk für Ensemble (2022, UA, Auftrag EPhB) – 15’ Wang Lu (*1982) «Backstory»  für Ensemble (2016) – 7’30” Tim Hodgkinson (*1949) «Under the Void» für Ensemble (2016–2018, UA) – 20’
Jürg Henneberger
Musikalische Leitung
Christoph Bösch
Flöte, Piccolo, Bassflöte
Antje Thierbach
Oboe
Toshiko Sakakibara
Klarinette, Bassklarinette
Lucas Rößner
Fagott, Kontraforte
Aurélien Tschopp
Horn
Nenad Marković
Trompete
Michael Büttler
Posaune
Daniel Stalder
Schlagzeug
João Pacheco
Schlagzeug
Miguel Pisonero
Klavier
Friedemann Treiber
Violine
Daniel Hauptmann
Violine
Petra Ackermann
Viola
Alessandro D’Amico
Viola
Stéphanie Meyer
Violoncello
Aleksander Gabryś
Kontrabass
Phœnix

Musik als Protest?

Im September 1971 revoltierten die Insassen des Gefängnisses Attica im Norden des US-Bundesstaates New York gegen die Haftbedingungen und nahmen einige Gefängniswärter als Geiseln. Auf Befehl des Gouverneurs stürmte anschliessend die Nationalgarde das Gefängnis, wobei 32 Menschen ums Leben kamen. Darunter Sam Melville, ein Bombenattentäter, der im Frühjahr 1971 einen Brief an seinen Bruder geschrieben hatte, der in einer Zeitschrift veröffentlicht wurde. Zurück nach einer längeren Italienreise, las der amerikanische Komponist und Pianist Frederik Rzewski den Brief in der Zeitschrift und war ergriffen von der poetischen Qualität und der beschriebenen Erfahrung von Zeit. Daraus entstand «Coming Together», ein Stück für variables Ensemble und einen Sprecher. Eine Komposition, die zum Paradebeispiel für die Musik des Widerstands geworden ist; konsequent durchkonstruiert und mit einer genau kalkulierten Schlusssteigerung.

Der palästinensische Komponist Samir Odeh-Tamimi hat eine ganz eigene Musiksprache entwickelt. Gespiesen von westeuropäischer Avantgarde und arabischer Musikpraxis, strahlt sie eine besondere Kraft aus. Seine Begeisterung für die europäische Klassik und die Ästhetik der Neuen Musik führten ihn mit 22 Jahren nach Deutschland. Dort fand er auch wieder zurück zur Musikkultur seines Herkunftslandes. Seit 2016 ist Samir Odeh-Tamimi Mitglied der Akademie der Künste in Berlin.

Wie unser dritter Gast Mathias Spahlinger, er allerdings bereits seit 1996. Der deutsche Komponist schafft äusserst konsequent und kompromisslos, vielseitig, konzeptuell und mit grosser Sorgfalt Werke zwischen ästhetischer Autonomie und politischem Bewusstsein. 2014 wurde ihm der Grosse Kunstpreis der Akademie der Künste verliehen, womit er die höchste Auszeichnung derselben für sein Lebenswerk erhielt.


Programm

Frederik Rzewski (1938–2021) «Coming Together» für Sprecher und Ensemble (1971) – 20’ Samir Odeh-Tamimi (*1970) «Alif» für Alt und Ensemble (2014) – 16’ Mathias Spahlinger (*1944) «Verlorener Weg I & II» für Ensemble (1999/2000) – 36’
Sylvia Nopper
Alt
Lucas Rößner
Sprecher
Jürg Henneberger
Musikalische Leitung
Christoph Bösch
Flöte, Piccolo
Antje Thierbach
Oboe
Toshiko Sakakibara
Klarinette, Bassklarinette
Raphael Camenisch
Altsaxophon, Baritonsaxophon
Nenad Marković
Trompete
Michael Büttler
Posaune
Maurizio Grandinetti
E-Gitarre
Consuelo Giulianelli
Harfe
João Pacheco
Schlagzeug
Ludovic Van Hellemont
Klavier
Friedemann Treiber
Violine
Daniel Hauptmann
Violine
Alessandro D’Amico
Viola
Martin Jaggi
Violoncello
Aleksander Gabryś
Kontrabass
Blanko

Blanko 2023

Wir schliessen unser Jahresprogramm mit der Serie «Blanko» ab. Wie jedes Jahr, immer im Mai oder Juni. Dabei soll die Sprache heutiger Musik in freier Form erörtert werden. Das Ensemble Phoenix Basel lädt hierfür jeweils zwei Experimentalmusiker:innen aus den Bereichen Noise, Free Improvisation, Sound Art etc. zu einer Zusammenarbeit ein. Ein akademischer Hintergrund ist dabei zweitrangig.

Svetlana Maraš eröffnet den Abend. Die serbische Komponistin und Klangkünstlerin arbeitet an der Schnittstelle zu experimenteller Musik und Sound Art. Seit 2021 ist sie Co-Leiterin des Elektronischen Studios Basel und Professorin für kreative Musiktechnologie an der Hochschule für Musik FHNW.

Fred Frith übernimmt in der zweiten Konzerthälfte. Der englische Multiinstrumentalist ist vor allem für sein Gitarrenspiel bekannt und bedient sich dabei gerne allerlei Alltagsgegenständen, um seine Instrumente zum Klingen zu bringen. Von 2011 bis 2020 unterrichtete er an der Hochschule für Musik Basel das Fach Improvisation.


Programm

Svetlana Maraš (*1985) Neues Werk für Ensemble (2023, UA, Auftrag EPhB) Fred Frith (*1949) Neues Werk für Ensemble (2023, UA, Auftrag EPhB)
Christoph Bösch
Flöte
Toshiko Sakakibara
Klarinette
Lucas Rößner
Fagott
Nenad Marković
Trompete
Michael Büttler
Posaune
Janne Jakobsson
Tuba
Maurizio Grandinetti
E-Gitarre
João Pacheco
Schlagzeug
Samuel Wettstein
Keyboards
Aleksander Gabryś
Kontrabass
Thomas Peter
Elektronik
Fabrizio Di Salvo
Sounddesign
Christoph Bösch
Künstlerische Leitung