Blanko

Blanko 2024

EPhB lädt einmal pro Jahr Experimental-Musiker mit eher nicht-akademischem Background zu einer Zusammenarbeit ein. Diese Künstler:innen stammen aus Bereichen wie Noise, Free Improvisation, Sound Art usw. Die junge Schlagzeugerin und Improvisatorin Camille Emaille und der Zürcher Komponist, Klangkünstler, Theatermusiker und Improvisator Thomas Peter werden je eine Konzert-Hälfte konzipieren und kuratieren. Das Ensemble setzt in dem Fall nicht «nur» einen Notentext um, sondern beteiligt sich in direkter Weise an der Komposition.

Als Perkussionistin aus den Alpes de Haute Provence, wo sie lebt, folgte Camille Emaille (*1993) einem Weg der klassischen und dann zeitgenössischen Musik, der von einer Bergmusikschule zur Musikakademie Basel oder sogar zum Mills College in Oakland für improvisierte Musik führte.
Ihre heutige Praxis basiert auf einer physischen Beziehung zum Klang, sowohl im Material und in der Lautstärke der Instrumente, mit denen sie arbeitet, als würde man die Erde bearbeiten, und in der physischen Energie, die zum Spielen eingesetzt wird. Ob durch Improvisation, geschriebene oder vorstrukturierte Musik, sie sucht nach dieser Linie, bei der Energie, Konzentration und Zuhören auf einer solchen Ebene aktiviert werden, dass das Bewusstsein für sich selbst im Verhältnis zum Rest der Welt schliesslich verschwindet, wie wenn man wochenlang läuft.

Thomas Peter (*1971) ist Musiker, Komponist und Dozent. Er ist seit über 25 Jahren in den Bereichen der Komposition elektroakustischer Musik, improvisierter Musik und Klanginstallationen tätig und doziert an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Er lebt und arbeitet in Zürich. Seine Konzerttätigkeit umfasst als Solokünstler und als Interpret zeitgenössischer Musik Auftritte in Europa, Asien, Nord- und Südamerika. In seinen Kompositionen befasst er sich in verschiedenster Weise mit den Interaktions-Möglichkeiten der Musiker:innen innerhalb des Ensembles, sei es durch improvisatorische Settings oder durch dynamisch oder frei gesetzte Rückkopplungsmöglichkeiten. Thomas Peter studierte an der Musikakademie Basel Audiodesign und Improvisation. Seine Komposition neugut.rand gewann den ersten Preis des Elektroakustischen Kompositionswettbewerbs am Musica Viva Festival in Lissabon. Er erhielt 2013 (zusammen mit André Meier) und 2017 den Werkbeitrag des Kuratorium Aargau.


Programm

Camille Emaille (*1993) Phoenix Hunt (2024, UA, Auftrag EPhB) – 30’ Thomas Peter (*1971) Has anything moved? (2024, UA, Auftrag EPhB) – 30’
Camille Emaille
Schlagzeug Solo
Christoph Bösch
Künstlerische Leitung
Christoph Bösch
Flöte
Toshiko Sakakibara
Klarinette
Amit Dubester
Saxophon
Nenad Marković
Trompete
Paco Andreo
Ventilposaune
Janne Jakobsson
Tuba
João Pacheco
Schlagzeug
Maurizio Grandinetti
E-Gitarre
Samuel Wettstein
Synthesizer
Aleksander Gabryś
Kontrabass
Thomas Peter
Elektronik
Fabrizio Di Salvo
Sounddesign
Phœnix

Vigilia

Konzert in Zusammenarbeit mit der «SCHOLA HEIDELBERG» (Leitung: Ekkehard Windrich)

Das Oeuvre des deutschen Komponisten und Musikwissenschaftlers Wolfgang Rihm ist immens. Neben drei Sinfonien, neun Opern und einer grossen Anzahl an Solo- und Kammermusikwerken nimmt «Vigilia» als eine der eindrücklichsten Kompositionen in seinem Schaffen einen ganz besonderen Platz ein. Diese Musik schafft es, sowohl für Kenner:innen als auch für wenig gewohnte Hörer:innen Neuer Musik direkt zugänglich zu sein. Vigilien sind in der katholischen Liturgie Nachtwachen, die in Schriftlesungen oder Gebeten verbracht werden und in der Konzentration der Dunkelheit auf besondere kirchliche Feste, zumal das Osterfest, vorbereiten sollen. Rihm bezieht sich auf diesen Brauch und die alte musikgeschichtliche Tradition des Responsorienzyklus’, wie sie etwa durch Carlo Gesualdo (1560–1613) geprägt wurde. Als Textgrundlage dienten Wolfgang Rihm sieben Passionstexte, die von einem sechsstimmigen Gesangsensemble a capella gesungen werden. Diese Motetten werden jeweils unterbrochen durch instrumentale Interludien (Sonata I–VII). Im umfangreichsten letzten Teil (Miserere) musizieren dann das Instrumental- und das Vokal-Ensemble gemeinsam.


Programm

Wolfgang Rihm (*1952) «Vigilia» für sechs Stimmen und Ensemble (2001–2006) – 65'
Jürg Henneberger
Musikalische Leitung
Ekkehard Windrich
Chordirektor
Sarah M. Newman
Sopran
Julie C. Eggli
Alt
Johannes Mayer
Tenor
Jörg Deutschewitz
Tenor
Ansgar Theis
Bariton
Florian Drexel
Bass
Toshiko Sakakibara
Klarinette
Aurélien Tschopp
Horn
Michael Büttler
Posaune
Mikael Rudolfsson
Posaune
Janne Jakobsson
Tuba
Daniel Stalder
Schlagzeug
Nicolas Venner
Orgel
Petra Ackermann
Viola
Benedikt Böhlen
Violoncello
Aleksander Gabryś
Kontrabass
Phœnix

Nosferatu

Friedrich Wilhelm Murnau (1888–1931) / Jannik Giger (*1985): «Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens» (1922/2017)

Jannik Giger ist als Komponist und Filmemacher gewohnt Spartengrenzen auszuloten und zu überwinden. Projekte von und mit ihm tragen immer seine unverwechselbare Handschrift. Die Affinität zum Film lassen ihn Murnaus Klassiker «Nosferatu» sensibel und stimmig in Musik setzen, ohne je plakativ oder illustrativ zu werden.

Für seine Neuvertonung des Stummfilmklassikers «Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens» (1922), die 2017 am Musikfestival Bern zur Uraufführung kam, griff Jannik Giger auf Versatzstücke aus Soundtracks zu Filmen von David Lynch oder Alfred Hitchcock sowie auf Fragmente aus der romantischen Klangwelt Franz Schuberts zurück. Diese Reminiszenzen geistern zum einen als zugespielte Samples und zum anderen in kompositorischer Neuschöpfung für vierzehn Instrumentalist:innen durch die Partitur und verbinden so die Historizität des Films mit der Gegenwart seiner Aufführung. In der Transformation dieser Spuren klingender Vergangenheit und ihrer Gegenüberstellung mit live agierenden Musiker:innen verwischt Giger die Trennlinien zwischen realer und virtueller Klangerzeugung. Er löst den herkömmlichen filmmusikalischen Orchesterklang auf, indem er ihn wiederum mit einer Soundcollage verfremdeter Orchesterklänge überschreibt. Das ist von berauschender Klangsinnlichkeit und fügt sich geschickt in die poetische Bildwelt Friedrich Wilhelm Murnaus, unterstreicht die Dramaturgie des Films und bleibt dennoch eine eigenständige Sinneinheit. Ferner weist Gigers Komposition ihre Zitatebene immer wieder als solche aus und wird so zur Reflektion über Wesen und Wirkung von Filmmusik. (Moritz Achermann)


Programm

Jannik Giger (*1985) «Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens» für Ensemble und Elektronik (mit Film) (2017) – 90’
Jürg Henneberger
Musikalische Leitung
Christoph Bösch
Flöte
Toshiko Sakakibara
Bassklarinette
Mihaly Fliegauf
Kontraforte
Aurélien Tschopp
Horn
Michael Büttler
Posaune
Daniel Stalder
Schlagzeug
Mauricio Silva Orendain
Arciorgano
Kirill Zvegintsov
Klavier
Samuel Wettstein
Klavier
Friedemann Treiber
Violine
David Sontòn Caflisch
Violine
Petra Ackermann
Viola
Stéphanie Meyer
Violoncello
Martin Jaggi
Violoncello
Elektronik
Phœnix

Davidovsky +

Konzert in Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK)

Mario Davidovskys «Synchronisms» sind Meisterwerke der Instrumentalmusik mit Zuspielband, die wir bereits 2020 geplant hatten, aber Corona-bedingt nicht aufführen konnten. Stattdessen ist eine Doppel-LP entstanden. Für die Neuauflage der Idee, Davidovskys Musik im Konzert zu spielen, konnten wir als Koproduktionspartner das ICST der ZHdK gewinnen. In dieser Zusammenarbeit entstehen sieben neue Kompositionen von Studierenden für die gleichen Besetzungen.

Mario Davidovsky ist eine der ganz grossen Figuren der Amerikanischen Neuen Musik – in Europa jedoch bisher kaum gespielt. Als Pionier der Elektronischen Musik arbeitete er bereits 1960 am «Columbia-Princeton Electronic Music Center». Sein Werk umfasst bei weitem nicht nur elektronische Musik. Seine berühmtesten Werke, die «Synchronisms», eine Reihe von über einem Dutzend Werken, die in einem Zeitraum von mehr als 40 Jahren entstanden sind, prägten Generationen von Komponist:innen. Bei der Kombination «klassischer» Instrumente mit vorproduzierten elektronischen Klängen interessiert sich Davidovsky im Unterschied zu vielen anderen Komponist:innen dieses Genres in keiner Weise für besondere «Sound Effects», sondern sucht nach einer Verschmelzung des Instrumentalklanges mit der Elektronik, woraus sowohl Kontinuität als auch immanenter musikalischer Ausdruck entstehen. Die frühesten «Synchronisms» entstammen einer Zeit, in der unsere heutige «sound technology» noch in den Kinderschuhen steckte, sind aber nichts desto trotz Meisterwerke, die ihresgleichen suchen; die lange Zeitspanne, in der die «Synchronisms» entstanden sind, dokumentiert ausserdem den technischen Fortschritt auf diesem Gebiet im Lauf der Zeit. Neben ungewöhnlich vielen Auszeichnungen für sein Schaffen erhielt Mario Davidovsky im Jahr 1971 explizit für sein Werk «Synchronisms No. 6» den Pulitzer-Preis.


Programm

Mario Davidovsky (1934–2019) «Synchronisms No. 1» für Flöte und Tonband (1963) – 4’21’’ «Synchronisms No. 3» für Violoncello und Tonband (1964) – 5’03’’ «Synchronisms No. 6» für Klavier und Tonband (1970) – 7’32’’ «Synchronisms No. 9» für Violine und Tonband (1988) – 8’52’’ «Synchronisms No. 10» für Gitarre und Tonband (1992) – 9’50’’ «Synchronisms No. 11» für Kontrabass und Tonband (2005) – 7’23’’ «Synchronisms No. 12» für Klarinette und Tonband (2006) – 6’34’’
Christoph Bösch
Flöte
Toshiko Sakakibara
Klarinette
Maurizio Grandinetti
Gitarre
Ludovic Van Hellemont
Klavier
Friedemann Treiber
Violine
Stéphanie Meyer
Violoncello
Aleksander Gabryś
Kontrabass
Sounddesign
Jürg Henneberger
Supervision